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BANDSCHEIBEN-SYNDROM
Pulposus-Syndrom, Prolaps-Syndrom

Der Begriff

Als Bandscheiben-Syndrom bezeichnet mal allgemein Schmerzen im Bereich des Rückens, die durch eine Bandscheibenproblematik (Bandscheibenvorfall oder Bandscheibenvorwölbung) ausgelöst werden. Weitere Bezeichnungen für das Bandscheiben-Syndrom: Pulposus-Syndrom oder Prolaps-Syndrom. Das Bandscheiben-Syndrom kann evtl. mit segmentalen neurologischen Ausfällen einhergehen.

Die Symptome (= Krankheitszeichen)

Typisch für ein Bandscheiben-Syndrom ist ein verstärkter, lokaler Spontanschmerz im Bereich der Wi rbelsäule mit Einschränkung der Beweglichkeit ((evtl. mit Schmerz skoliose (= schmerzbedingte Seitausbiegung der Wirbelsäule)). Die Symptomatik des Bandscheiben-Syndrom s wird oft durch Husten, Niesen oder Jugularvenenkompression (= Venen im Halsbereich) verstärkt. Das Bandscheiben-Syndrom wird meist von einer lumbalen (= den Kreuzbereich betreffenden), bisweilen auch zervikalen (= den Halsbereich betreffenden), sehr selten auch thorakalen (= den Brustbereich betreffenden) Strecksteife begleitet.

Die Symptomatik wird durch Reizung des Rückenmarks bzw. der Wurzeln der Spinalnerven (Wurzelneuritis) hervorgerufen, zum Teil auch mit einer Reihe neurologischer Symptome einhergehend: abgeschwächte Reflexe oder sogar Reflexausfall, Paresen (= Lähmungen), fibrilläre u. faszikuläre Zuckungen der Mus kulatur, Hypalgesie u. Hypästhesie (= vermindertes Schmerz- und Berührungsempfinden), bis hin zu einem Ischiassyndrom.

Treten die typischen Zeichen des Bandscheiben-Syndrom s länger als 12 Wochen am Stück auf spricht man auch von einem chronischen Bandscheiben-Syndrom (Prolaps-Syndrom).

Ursachen

Ursache für das Bandscheiben-Syndrom ist generell ein Bandschei benvorfall oder -vorwöl bung. Die Bandschei be wird auch als Discus intervertebralis oder Zwischenwirbelscheibe bezeichnet. Sie ist das Bindeglied zwischen den einzelnen Wirbelkörpern der Hals- Brus t- und Lendenwi rbelsäule.
Die Bandschei be besteht aus einem wasseraufnehmenden Gallertkern (Nucleus pulposus) und aus einem umgebenden Ring aus straffem gerichteten Faserknorpelgewebe (Anulus fibrosus).

Die Bandscheibe verbindet die einzelnen Wirbelkörper der Wi rbelsäule miteinander. Sie überträgt und verteilt den axialen Druck der über die Wirbelkörper auf sie gerichtet ist, übermittelt Bewegung auf die benachbarten Wirbelkörper und dient als „Stoßdämpfer“ zwischen den Wirbelkörpern. Durch degenerative Veränderungen im Faserknorpelring (Anulus fibrosus) kommt es einer Vorwölbung oder gar zum Einreißen desselben. Das führt dazu, dass der gallertartige Kern (Nucleus) der Bandschei be nach außen drängt und dann evtl. auf Nerven drücken kann mit den entsprechenden Beschwerden.

Allgemeine Ursachen für Rücken- und Bandscheibenprobleme, die dann zu einem Bandscheiben-Syndrom (Prolaps-Syndrom) führen können, sind insbesondere falsche Belastungen der Wirbelsäule. Da kann bereits ein Sprudelkasten zum Übeltäter werden: Wer ihn vom Boden aufhebt, ohne in die Knie zu gehen, belastet seine Wirbel und die Bandscheiben. Hinzu kommen Haltungsfehler, Übergewicht, Bewegungsarmut und ganz allgemein das Alter. Mit zunehmendem Alter verliert das Kerngewebe aber seine Speicherfähigkeit. Die Elastizität läßt nach, das Polster wird schmaler und empfindlicher. Kommt dann noch eine plötzliche ungünstige Belastung dazu, droht ein Schaden.

Die operative Therapie

Leider berichten nicht wenige Patienten, dass sich Ihre Schmerzen, also ihr Bandscheiben-Syndrom (Prolaps-Syndrom), durch eine Operation (z.B. Laminektomie (= Entfernung eines oder mehrerer Wirbelbögen), Nukleotomie, Diskotomie, Diskektomie) nicht verändert haben. Die entsprechenden Fachkreise sind sich deshalb weitgehend einig, daß als Indikation (= Anzeige) für eine Bandschei benoperation Schmerzen alleine nicht ausreichen, sondern es müssen auch Lähmungen vorhanden sein.

Für derartige Operationen gibt es drei Möglichkeiten:

Wissenschaftlich ist ein gesundheitlicher Vorteil durch Bandscheiben-Operationen nicht belegt
Berlin, 25.10.2007. Wirbelsäulen-Operationen sind auch bei Fachleuten umstritten. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Analyse der weltweiten Literatur, die Orthopäden aus Düsseldorf beim diesjährigen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie in Berlin vorstellten. "Kurzfristig können Operationen bei Bandscheibenvorfällen an der Lendenwirbelsäule helfen, mittel- und langfristig sind die Ergebnisse von operierten und nicht-operierten Patienten gleich", sagte Prof. Dr. med. Peter Wehling vom Zentrum für Molekulare Orthopädie am Donnerstag in Berlin nach Auswertung von circa 1.200 Publikationen. Zu diesem Schluss kommt zum Beispiel die weltweit größte klinische Studie bei 1244 Bandscheibenpatienten. "Die verschiedenen Studien machen deutlich, dass es beim Bandscheibenvorfall keine Standardtherapie gibt. Vielmehr ist ein individuell auf jeden Patienten abgestimmtes Behandlungskonzept auf Basis einer gründlichen Diagnostik gefragt", sagte Wehling. http://idw-online.de/pages/de/news232256

Medikamentöse Schmerzbehandlung beim Bandscheiben-Syndrom:
Akut (= plötzlich einsetzend, heftig) und subakut (= eher schleichend verlaufend) können zunächst (vorwiegend) peripher wirkende Analgetika (= Schmerzmittel, die am Ort der Schmerzentstehung wirken) eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Antirheumatika (= Rheuma mittel), aus dieser Gruppe möglichst lang wirkende und magen schonende wie z.B. Meloxicam. Besonders magenschonend und auch entzündungshemmend sind die sog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib oder Etoricoxib, allerdings scheint diese Stoffgruppe mit einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer. Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib und Etoricoxib nicht auch noch vom Markt genommen werden, wie schon andere Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Bei stärkeren schmerzhaften Muskelverspannungen können darüber hinaus auch
Muskel relaxanzien (= Mittel zur Entspannung von Muskeln) (z.B. Orphenadrin, Tolperison) verordnet werden.
Manchmal sind aber die Schmerz zustände nur mit zentral wirkenden Analgetika (z.B. Tramadol, Tilidin, bzw. Tilidin mit Naloxon oder auch Morphin) (= im Gehirn bzw. Rücken mark wirkende Schmerzmittel) beherrschbar.
Grundsätzlich sollte aber auch bei
Bandscheiben-Syndrom (Vorwöl bung oder Vor fall) eine längerfristige Schmerzmittelverordnung wegen der Gefahr der Gewöhnung oder gar Abhängigkeit vermieden werden.
Die Kombination mit schmerzdistanzierenden Antidepressiva (= Mittel gegen Depression, aber auch bei chronischen Schmer zen hilfreich) (z.B. Doxepin, Maprotilin) oder Neuroleptika hilft in vielen Fällen Schmerzmittel einzusparen.

Spezielle Schmerztherapie

Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel bzw. Lokalanästhetika) beim Bandscheiben-Syndrom:
Bei anhaltenden Rückenschmerzen sollten rechtzeitig alternative Methoden eingesetzt werden. Eine sehr wirksame Alternative, ohne jedes Gewöhnungs- oder Suchtpotential, ist die therapeutische Lokalanästhesie mit einem lang wirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain) in Form von örtlichen Betäubungen und Nervenblockaden.

Infiltrative Lokalanästhesie (= Infiltration mit einem örtlichen Betäubungsmittel) beim Bandscheiben-Syndrom:
Die einfachste diesbezügliche Therapie besteht in der örtlichen Infiltration der meist verspannten, an die Wir belsäule angrenzenden Mu skulatur. Je nach segmentaler Ausdehnung reichen ca. 5-10 ml Bupivacain 0,25% bis 0,5% völlig aus. Eine weitere Möglichkeit ist die gezielte Infiltration von Triggerpunkten (= kleine Reizzonen hpts. in der Mus kulatur) nach vorheriger Identifizierung derselben.

Periphere temporäre (= oberflächliche, zeitlich begrenzte) Nervenblockaden beim Bandscheiben-Syndrom:
Zur Unterbrechung segmentaler Reflexkreise, aber auch zur Therapie von Schmerzausstrahlungen eignen sich bei Rückenschmerzen Blockaden
(= Betäubungen) der korrespondierenden Nervenwurzeln (= im Schmerzbereich befindliche Nervenaustrittstellen neben der Wir belsäule). Im Lendenbereich auch kontinuierlich mit Katheter (*siehe unten).
Schmerzausstrahlungen in Schul ter/Ar m, wie sie bei einem
Bandscheiben-Syndrom der unteren Halswir belsäule in typischer Weise vorkommen, sprechen zufriedenstellend auf die wiederholte hohe Blockade des Plexus brachialis (= Betäubung des Armnervengeflechts im seitlichen Halsbereich) nach Winnie an. Technisch risikoärmer und oft besser wirksam ist jedoch die kontinuierliche, retrograd hohe Plexus brachialis-Blockade mit Katheter (*siehe unten). Der interskalenäre (= zwischen Mus keln im seitlichen, unteren Halsbereich) Zugang ist mit einem etwas höheren Risiko behaftet.
Im Bereich der Be ine können bei entsprechender radikulärer oder pseudoradikulärer Schmerzausstrahlung
(= Schmerzen die auf eine tatsächlich oder scheinbar geschädigte Nervenwurzel zurückzuführen sind) der vordere Oberschenkelnerv (N. femoralis) und / oder der Ischiasnerv wiederholt blockiert werden, in hartnäckigen Fällen mit Katheter (* siehe unten).
Ein
Bandscheiben-Syndrom im mehr oberen Lendenwirbelsäulenabschnitt kann zu Schmerzausstrahlung in den Bereich des seitlichen und inneren Oberschenkels führen. Mit der sog. 3-in-1-Blockade gelingt die zusätzliche Betäubung der Ner ven obturatorius und cutaneus femoris lateralis, deshalb auch geeignet zur Behandlung der Meralgia paraesthetica (= Brennschmerzen an der Oberschenkelaußenseite).
Eine Periduralblockade (= rückenmarknahe Betäubung) im Bereich der Halswir belsäule erfordert eine sehr strenge Nutzen-/Risikoanalyse.
Die lumbale Periduralblockade
(= rückenmarknahe Betäubung im Lendenbereich), insbesondere kontinuierlich mit Katheter*, ist beim Bandscheiben-Syndrom eine sehr effektive Therapiemaßnahme, die allerdings nur unter stationären Bedingungen durchgeführt werden sollte. Bei technischer Beherrschung, adäquater Lokalanästhetika-Dosierung und Beachtung der hygienischen Belange kann das Risiko bei der Anzeige "Rückenschmerzen" als vertretbar eingestuft werden.

Statt mit Lokalanästhetika (= örtliche Betäubungsmittel) können die aufgeführten, rückenmarknahen Blockaden auch mit einer verdünnten Morphin-Lösung durchgeführt werden, allerdings ist dabei die oft zu beobachtende, über die Behandlungszeit hinaus anhaltende Wirkung deutlich weniger ausgeprägt.
Bei sehr schweren und sonst kaum behandelbaren Rückenschmerzen kann zur Durchführung rückenmarknaher Blockaden auch eine kleine Schmerzpumpe unter die Haut gepflanzt werden. Das Arzneimittelreservoir der Pumpe wird dann in bestimmten Zeitabständen durch die Haut hindurch mit Hilfe einer Spritze wieder aufgefüllt.

* Bei der sog. kontinuierlichen Blockade mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Ner ven eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht „aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Das Lokalanästhetikum (= örtliche Betäubungsmittel) wird bei dieser Behandlung so dosiert, dass die grobe Kraft erhalten bleibt (bei gleichzeitiger Hemmung der Schmerzreizleitung), damit begleitend krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich bleiben. Dass die schmerzlindernde Wirkung i.d.R. über die eigentliche Behandlungszeit hinaus anhält, ist u.a. darauf zurückzuführen, dass bei dieser Blockadebehandlung auch die sog. vegetativen Nerven betroffen sind, woraus eine sehr deutliche Durchblutungssteigerung resultiert. Dies ist der Grund, warum diese Behandlungsmethode besonders bei Schmerzen, die durch entzündliche, oder auch degenerative (= abnutzungsbedingte) Prozesse entstanden sind, hilfreich ist.Eine gute Durchblutung optimiert auch den Stoffwechsel eines gestörten oder geschädigten Nervs.Nach neueren Erkenntnissen vermag eine solche, intensive, längerfristige Blockadebehandlung auch das sog. Schmerzgedächtnis zu löschen.

Physikalische Therapie bei Bandscheiben-Syndrom (Prolaps-Syndrom):
Auch die Elektrostimulation kann eine Beschwerdelinderung herbeiführen. Die transkutane Nervenstimulation mit Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden (TENS) hat den Vorteil, daß sich die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die Elektroden werden paarig neben der Wir belsäule im Schmerzbereich aufgeklebt. Durch Veränderung der Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die Wirkung optimiert werden.
Eine weitere physikalische Behandlungsmöglichkeit ist beim
Bandscheiben-Syndrom die oberflächliche Kältetherapie im Schmerzbereich. Wir verwenden einen elektrischen Kaltluftgenerator, dessen Luftstrom auf ca. -10 bis -15 Grad C abgekühlt ist.
Manche Patienten mit einem
Bandscheiben-Syndrom empfinden allerdings lokale Wärmeapplikationen (Rotlicht) als besser wirksam. Warme Bäder können ebenfalls Rüc kenschmerzen lindern.
Die Verordnung von Massagen ist bei einem
Bandscheiben-Syndrom nicht immer sinnvoll. Häufig brechen Patienten diese Behandlung ab, weil sie dadurch eher eine Schmerzverstärkung verspüren. Optimal wirkungsvoll sind Massagen dann, wenn sie unmittelbar im Anschluß an eine Schmerzbehandlung erfolgen, was allerdings eine enge Abstimmung zwischen Schmerztherapeut und Masseur voraussetzt.
Nahezu unverzichtbar ist beim
Bandscheiben-Syndrom die heilgymnastische Therapie, da meist nur diese geeignet ist, einen ärztlichen Behandlungserfolg zu sichern und längerfristig zu stabilisieren. Dabei gilt es, die Mu skulatur neben der Wir belsäule zu trainieren, da auf Dauer nur eine kräftige/suffiziente Mu skulatur eine statische und dynamische Schwäche des Achsenorgans kompensieren kann.
Auch eine Magnetfeldtherapie kann schmerzlindernd wirken.

Andere Therapiemaßnahmen bei Bandscheiben-Syndrom (Prolaps-Syndrom):
Der Vollständigkeit halber darf die Akupunktur nicht unerwähnt bleiben.
Wichtig sind individuelle Instruktionen zur richtigen Haltung und Vermeidung von übermäßigen Wirbelsäulenbelastungen (funktionelle Ergotherapie bzw. Rückenschule). Darüber hinaus ist anzustreben, daß die betroffenen Patienten Übungen zur Lockerung der Mus kulatur erlernen.
Die Verordnung von Hilfsmitteln wie z.B. stabilisierende Korsette sollten dem Orthopäden vorbehalten sein.
Hypnoide
(= bewußtseinsverändernde) Verfahren wie autogenes Training oder progressive Relaxation nach Jakobson sind auch bei einem Bandscheiben-Syndrom eine sinnvolle Ergänzung der Gesamtstrategie, da auch sie zu einer muskulären Entspannung führen.

Wenn ein Bandscheiben-Syndrom (Prolaps-Syndrom) längerfristig besteht, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen, ebenso Anleitungen zur Schmerzbewältigung.

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